Was sagt Daniel.
Interview's verschiedener Journalisten mit Daniel Rohr.

Zuger Presse
Theater 
15. September 2003

Zappa oder Ehre, wem Ehre gebührt

Die Theater-Neumarkt-Produktion «ZAPPA! Alles über Frank» eröffnet das Eidgenössische Theaterfest Zug

 

Frank Zappa lebt. Zumindest durch seine irdische Vertretung, den Zürcher Schauspieler Daniel Rohr. Mit Band präsentiert er in der Spinni Halle ausgewählte Texte von Frank Zappa (1940-1993) als Theater.

Zuger Presse: Wie kommt man dazu, ein Theaterstück über Frank Zappa zu machen?

Daniel Rohr: (lacht) Zappa hat mich ein Leben lang begleitet. Er ist für mich schon sehr früh zu einer wichtigen politischen und musikalischen Figur geworden. Irgendwann ist mir aufgefallen, wie theatralisch seine Texte sind, und dass sie danach schreien, theatral umgesetzt zu werden. Zappa selber hat auf der Bühne immer kleine Szenen aufgeführt. Er und seine Band haben sich verkleidet und rumgealbert. Für unser Theater haben wir die Vorzeichen gekehrt: Wir, ich und meine sechsköpfige Band, haben ein Programm geschaffen, das in erster Linie theatralisch und erst dann musikalisch ist.

 

Was war Ihre erste Begegnung mit Frank Zappa?

Wahrscheinlich sah ich, wie viele, das Poster, auf dem er auf dem WC sitzt. Zappa hat darüber gesagt: «Es gibt mehr Leute, die meinen Namen gehört, mein Gesicht gesehen oder mich auf einer Toilette sitzen gesehen haben, als solche, die meine Musik gehört haben oder irgend eine Ahnung von dem haben, was ich mache.» Natürlich fand ich damals das Poster gut.

Es ist aber sehr überspitzt, was ich jetzt sage. Frank Zappa war auch immer wieder eine politische Figur, auch wenn er sich nicht direkt politisch geäussert hat. Er hat sich als Amateuranthropologe bezeichnet. Zappa hat aber durch seine Taten eine politische Haltung bewiesen.

 

Aus welchen Anlass ist «ZAPPA! Alles über Frank» entstanden?

Der sechzigste Geburtstag von Frank Zappa, am 21. Dezember 2000, hat uns veranlasst, dieses Stück zu entwickeln. Damals habe ich zusammen mit zwei anderen Kollegen am Theater am Neumarkt eine Lesung mit seinen Texten gegeben. Wir merkten, wie theatral seine Texte sind und wie viel Potential in seinem Werk steckt.

 

Ihr Stück spielt im Fegefeuer. Wieso?

Ich habe noch keinen Menschen erlebt, der so mutig und gefasst seinem Tod entgegen geblickt hat (Zappa ist mit 53 Jahren, am 4. Dezember 1993 gestorben, Anm. d. Red.). Das hat mich sehr beeindruckt. Wir haben uns immer wieder die Frage gestellt: Wo ist Zappa jetzt? Es gibt in unserer Vorstellung einen Satz, in dem Zappa sagt, dass er nicht an den Mann mit dem weissen Bart glaube, der alles sieht und aufpasst, dass die Guten belohnt werden. Zappa hat über den Tod Folgendes gesagt: «Ich glaube viel eher, dass es irgendeinen chemischen Prozess gibt, der den ganzen Haufen Scheisse, den jeder mit sich herumschleppt, zum Leben erweckt. Daher ist es nicht ganz unmöglich, dass er sich zum Zeitpunkt, an dem der chemische Prozess nicht mehr in der Lage ist, den Haufen Scheisse in Bewegung zu halten, in Energie umwandelt, um eine eigene Existenz zu führen.»

Frank Zappa kommt bei all den Sauereien, die er auf der Bühne gesungen hat, sicher nicht in den Himmel. In die Hölle kommt er erst recht nicht, weil er ein so wahrheitsbesessener und anspruchsvoller Mensch war. Also kommt er ins Fegefeuer. Und was macht man dort? Wer Beckett gelesen hat, weiss, dass man dort die Zeit damit verbringt, das zu tun, was man auf der Erde gemacht hat. Das heisst, Zappa sitzt immer noch da und singt seine Songs, und kämpft immer noch dafür, die Menschen zu wecken.

 

Auf www.alles-ueber-frank.com gibt es ein Bild von Ihnen, in dem Sie sich, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf einem Sofa räkeln.

 

Das ist ein Zappa-Zitat, das ich sehr gerne wiedergebe. Ich singe dort in Tigerunterhosen vom Zombie Wolf. Zappa hat Fotosessions gemacht, auf denen er sich mit wunderschönen Fotomodellen ablichten liess. Er selber trug Ringelsocken und Tigerunterhosen. Zappa hat sich immer wieder für Fototermine verkleidet. Als Samichlaus, als Marktfrau oder als Kapitän. Alles natürlich bewusst völlig geschmacklos.

 

Was darf man vom Theater erwarten und was nicht?

Ich beginne vielleicht besser mit dem, was man nicht erwarten darf: Ich werde nicht mit einem Zappa-Schnauzer auf die Bühne kommen und mit tiefer Stimme seine Songs vortragen. Was man erwarten kann, ist eine sechsköpfige Band mit mir als Sänger, die versucht, einen Abriss über sein Schaffen zu zeigen – und zwar mit deutschen Texten. Ich habe seine Texte ins Deutsche übersetzt. Das war viel Arbeit, weil die auch rhythmisch passen und die Reime stimmen mussten. Und sie mussten natürlich auch den Witz von Zappa haben. Das Publikum darf einen tollen Theater-Rock-Abend erwarten und mit mehr Wissen über Zappa nach Hause gehen.

 

Immer wieder schimmert der Fan durch. Mit wie viel Distanz sind Sie an das Projekt herangegangen?

Ja, ich bin ein Fan. Ich habe aber eine sehr dialektische Beziehung zu ihm. Wenn er zum Beispiel sagt: «Jeder ist für mich ein Arschloch bis zum Gegenbeweis.» Dann ist das diametral meiner Lebenseinstellung entgegengesetzt. Auch ist Zappa jemand, der polarisiert. So jemand bin ich nicht. Ich habe mich an Zappa immer wieder gerieben. In anderen Punkten ist er mir unglaublich nahe, fast freundschaftlich nahe. In seiner Arbeitswut und Suche ist er mir sehr vertraut. In dieser Hinsicht habe ich sehr viel von ihm gelernt. Es gibt einen Satz von ihm, der mich immer wieder sehr traurig macht: «Nichts oder niemand ist durch meine Arbeit verändert worden.» Mich hat die Beschäftigung mit Zappa verändert, er hat mir wesentliche Impulse gegeben für das, was ich mache.

 

Interview Robert Pally






 


15. September 2003

upTOP

Untertitel: Interview mit Daniel Rohr über seine Zappa-Show im Scala Wetzikon

 

Lead: „Zappa! Alles über Frank.“ von und mit dem Neumarkt-Schauspieler Daniel Rohrsowie einer sechsköpfigen Band ist eine schrille und witzige Revue, eine schalkhafte Hommage an den schillernden Avantgardisten Frank Zappa, das Enfant Terrible der Pop-Musik. Die Produktion des Theater Neumarkt Zürich wurde im In- und Ausland gefeiert und kommt jetzt für zwei Abende ins Scala im Gasthof Ochsen Wetzikon.


Was ist für Sie das Faszinierende an Frank Zappa, einem Musiker, der immerhin seit bald 10 Jahren tot ist, Daniel Rohr?

Frank Zappa hat mich mein Leben lang begleitet. Er war nie wirklich zu fassen und hat sich doch kontinuierlich weiterentwickelt. Das macht ihn so spannend. Zappa hat Vieles vorweggenommen, hat die sogenannte E-Musik mit der Unterhaltungsmusik verschmolzen und auf vielen Gebieten gearbeitet, auch für Film und Video. Er arbeitete wie ein Besessener, produzierte 60 Alben in 27 Jahren, nahm andere und vor allem sich selbst aber nicht sehr ernst. Humor und Selbstironie ziehen sich durch sein ganzes Werk. Für mich ist Zappa ein Gesamtkunstwerk.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über den Musiker Zappa einen Theaterabend zu gestalten?

Im Dezember 2000 wäre Frank Zappa 60 Jahre alt geworden. Dazu war ursprünglich eine Lesung mit seinen Texten geplant, denn er hat nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich etwas zu sagen. Ein Zappa-Konzert war eine richtige Performance, Szenen wurden gespielt, Situationen nachgestellt, Geschichten erzählt. Als Schauspieler haben mich diese theatralischen Qualitäten seiner Texte angesprochen, denn auch wir machen nichts anderes als Geschichten erzählen. Die Idee einer Zappa-Show war geboren und wurde vom Theater auf den Spielplan gesetzt.

 

Wird auch der politische Zappa thematisiert?

Zappa war zwar ein Rebell, aber er hat sich nie politisch vereinnahmen lassen. Das hat ihn schlicht nicht interessiert. Als Jux hat er mit dem Gedanken gespielt, sich als US-Präsident zu bewerben, denn schlimmer könne es selbst mit ihm nicht werden. Seine Krebserkrankung hat ihn jedoch davon abgehalten. Zappa bezeichnete sich als Amateur-Anthropologe, der aus den kleinen Begebenheiten des täglichen Lebens Geschichten spinnt. Er war aber nicht nur Beobachter, er hatte immer eine klare Haltung, war zwar Zyniker, aber nie gleichgültig.

 

Wie äusserte sich sein Zynismus?

Bekannt ist etwa Zappas Ausspruch „Jeder ist für mich ein Arschloch bis zum Gegenbeweis“. Trotz dieser Menschenfeindlichkeit veröffentlichte er 60 Alben und begeistert mit seinem unnachahmlichen Humor. Zappa hat eben viele Facetten. Er konnte auch ein Despot sein, vor allem mit seinen Musikern. Als Perfektionist konnte ihm kaum einer genügen, nicht einmal er selbst. Vor Konzerttourneen wurde monatelang geprobt, bis jedes Stück sass - um dann an den Konzerten improvisiert zu werden.

 

Weshalb haben Sie alle Texte und Songs auf deutsch übersetzt?

Das war sicherlich gewagt. Aber uns ist es wichtig, dass die Texte und Geschichten von Frank Zappa vom Publikum verstanden werden. Ein wunderschönes Zappa-Zitat lautet: "Zeit ist das Entscheidende. Zeit ist alles. Und wie man diese Zeit füllt.³ Ich habe die Texte jedoch nicht wortwörtlich übersetzt, sondern dem Sinn nach, damit sie in Rhythmus und Reim stimmen.

 

Spielen Sie Frank Zappa auf der Bühne?

Zappa darzustellen oder imitieren zu wollen ist unmöglich. Ich spiele eine Figur, die in Zappas Figuren schlüpft. Ausgangspunkt war die Frage, wo Zappa heute wäre. Wohl kaum im Himmel bei seinem Lebenswandel, aber auch nicht in der Hölle, dafür war er zu ehrlich und echt. Er sitzt immer noch im Fegefeuer und spielt seine Songs, begleitet von sechs schwarzen musikalischen Engeln, meiner Band.

 

Wie haben die Zappa-Fans auf die Show reagiert?

Die Zappa-Fangemeinde war zwar skeptisch, aber wohlwollend. Der weltweit einzige Zappa-Fanclub im ostdeutschen Bad Doberan bei Rostock hat uns beispielsweise immer wieder mit Bildern und Interviews aus ihrem Zappa-Archiv versorgt. Ich kam ganz schön ins Schwitzen, als die in einer Vorstellung mit Fanclub-Shirts und Kappe in den ersten beiden Reihen sassen. Beim Schlussapplaus ist uns ein Stein vom Herzen gefallen. In Rostock haben sogar ehemalige Zappa-Musiker unsere Show gesehen und gewürdigt. Das war wie ein Ritterschlag.

 

Mit Genesis haben Sie bereits ein neues Musik-Projekt in Planung. Können Sie schon etwas darüber verraten?

Mit Genesis haben Sie bereits ein neues Musik-Projekt in Planung. Können Sie schon etwas darüber verraten? Grundlage ist das 1974 entstandene legendäre Genesis-Konzeptalbum "The Lamb lies down on broadway³. Mich interessieren vor allem die Texte von Peter Gabriel, die ich gleich wie bei Zappa auf Deutsch übersetzt habe. Diese phantastische Reise durch das Unterbewusste zeichnet sich neben grosser Ernsthaftigkeit durch Gabriels feinen britischen Humor aus, ist aber noch wesentlich surrealer und verspielter als der Zappa-Abend. Premiere ist am 5. Oktober im Theater Neumarkt.

 

Interview: Jan-Jesse Müller


upTOP