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VOLLES ROHR AUF ALLEN BÜHNEN Schweizer Schauspieler, Theater-Turbo, Arbeitstier, Energiebündel. Donnerstagabend, 18 Uhr: Daniel Rohr eilt von den Proben für den Saisonstart im Theater Neumarkt zum Zürcher Hauptbahnhof. Seit zwei Jahren spielt der 40-Jährige im Ensemble von Crescentia Dünsser und Otto Kukla. In vier Minuten fährt der Zug Richtung Flughafen. Einchecken nach Hannover, schnell ein Bier im Bistro, durch die Passkontrolle und rein ins Flugzeug. Während es die kleine Maschine der Crossair in den Wolken schüttelt, packt Daniel Rohr sein Textheft aus. Noch bevor die optimale Flughöhe erreicht wird, ist er mit der Hälfte des Textes von "Zappa - Alles über Frank" durch. Der Zappa-Abend ist sein Kind - vor mehr als zwei Monaten hat er das Stück zum letzten Mal gegeben. Morgen wird er damit sein Innenhof-Theater-Festival in Göttingen eröffnen. Zweimal hintereinander: "Ich stehe schon unter Spannung - ich habe ja nicht nur die Gesamtverantwortung, sondern bin mit meinem "Zappa" auch noch als Erster dran. Und vom Beginn hängt stimmungsmässig viel ab." Zwischendurch schnappt er sich noch drei Lachsgipfeli. Auch im ICE von Hannover nach Göttingen gönnt er sich keine ruhige Minute. Daniel Rohrs rechte Festival-Hand, Christoph Huber vom Deutschen Theater, wartet schon am Bahnhof. Die "Zappa"-Musiker - sechs an der Zahl - kommen zeitgleich in Göttingen an, aus der entgegengesetzten Richtung. Kaum angekommen, sitzt man bei Sis-Kebab und Bier zusammen. Mit dem Wirt spricht Daniel Türkisch. Es ist schon nach Mitternacht und die Neugierde gross: Wie sieht der Spielort aus? Es ist ein altes Fachwerkgebäude, das unterm Jahr als Garage genutzt wird. Und hier soll morgen Theater stattfinden? Der grosse Theaterstaubsauger lärmt noch, als Freitag um die Mittagszeit die ersten Musikinstrumente und Verstärker hineingetragen werden. Die Techniker vom Deutschen Theater, wo Rohr von 1992 bis 99 Ensemblemitglied war, grüssen herzlich. Umarmungen, Wiedersehensfreude. Während das rote Sofa für die Aufführung noch mehr nach rechts muss, schreitet Rohr seinen Arbeitsplatz aus. Sechzehn Mann arbeiten professionell. "Solche Augenblicke machen mich ganz glücklich: Wenn ich sehe, wie sich die Fähigkeiten von Menschen ineinander verzahnen und sie auch noch ihren Spass dabei haben", sagt Rohr. "Vor sechs Jahren war das Festival ja nur so eine Idee, und in ein paar Stunden werden hier 170 Leute sitzen und auf die Performance abfahren. Dass du dafür monatelang geackert hast wien Blöder, vergisst du in solchen Augenblicken." Daniel Rohr ist nicht nur ein guter Schauspieler, der vor Energie sprüht - sein Arbeitstempo sucht seinesgleichen. Dutzende Menschen in Göttingen erkennen ihn auf der Strasse wieder, er wird umarmt und geküsst. Alle zehn Minuten läutet und vibriert sein Handy. Es verwundert, dass der Mann keine Starallüren kennt. Beim Einrichten des Lichts wünscht er: "Das Licht auf mich musst du kleiner machen - ich will den anderen nicht die Show stehlen." Das ist selten für jemanden, der im Rampenlicht steht. Eine Stunde vor Beginn des 5. Innenhof-Theater-Festivals, bei Lasagne, Cola und Kaffee, ist seine Anspannung spürbar: "Nervös bin ich schon, aber es wird klappen." Punkt 18 Uhr betreten die sechs Musiker im Frack mit schwarzen Engelsflügeln die Bühne. Daniel Rohr fläzt sich auf dem roten Sofa und ist Frank Zappa - ohne Schminke und auf Deutsch: "Weisst du, wer ich bin?" - so eröffnet er die Vorstellung. Dann geht in Göttingen die Post ab. Zappa ist bald nass geschwitzt. Zwischen erster und zweiter Aufführung hat er zwanzig Minuten Zeit. Zum Schluss - nach mehr als dreieinhalb Stunden Programm - ist auch er mit seinen Kräften ziemlich am Ende. Doch auch in der Garderobe kommt er nicht zum Ausruhen. Draussen warten zu viele, die ihm gratulieren, auf die Schulter klopfen und mit ihm reden wollen. Nach fünf Stunden Schlaf ist Samstag. Wie er das aushält? "Ach, heute muss ich ja nicht auftreten", sagt er. Und los gehts zum Schuheinkauf, dann auf den Flohmarkt, wo er jeden vierten Standinhaber mit Namen grüsst. Zur Mittagszeit verhandelt er mit Oldenburg: Die wollen eventuell einige Produktionen übernehmen, die beim Göttinger Festival angesetzt sind. Dann gehts in den CD-Shop. Dort fällt ihm ein: "Ich muss schnell ins Kaffeehaus. Dort wartet wer auf mich - hätt ich jetzt fast vergessen." Nach Kaffee und Schinkensandwich schaut er noch schnell bei der Lichtprobe von Tina Engel vorbei, die heute Abend auftreten wird. Vielleicht legt er sich noch eine halbe Stunde aufs Ohr? Nein, lieber doch mit dem neuen Direktor vom Jungen Theater Göttingen einen Schwatz halten. Daniel hier, Daniel dort. Nachdem der zweite Festivaltag zu Ende ist, nach den Auftritten von Mathieu Carrière, Tina Engel und Michael Altmann, kann Daniel Rohr aufatmen. "So ein gelungener Abend löst bei mir Menschenliebe aus", sagt er, bevor sich wieder ein Besucher bei ihm unterhakt. Kurz nach Mitternacht meint er: "Ich werde nicht mehr alt heute." Ins Bett kommt er trotzdem erst um drei Uhr früh. Am Sonntag steht ein "Zappa"-Gastspiel in Bremen auf dem Programm. Aus finanziellen Gründen - damit die Musiker genug verdienen. Nach der zweistündigen Zugreise ist Daniel Rohrs erste Aktion das Auftreiben eines Päckchens Ricola-Kräuterzucker. Er spürt seine Stimmbänder. Eilig gehts ins Hotel, dann gleich in ein Restaurant. Bestellen - und schon ist Daniel Rohr wieder weg. Als die Nudelpfanne auf dem Tisch steht, muss er per Handy zurückgerufen werden. Nach dem Essen macht er zum ersten Mal an diesem Wochenende eine Pause - für eine halbe Stunde, bevor der Soundcheck im Theater über die Bühne geht. Vor fast ausverkauftem Haus fegt ab 20 Uhr ein bemerkenswerter "Zappa" über die Bühne. Grosse Begeisterung im Publikum. Der Applaus endet auch nach zwei Zugaben, und obwohl das Licht im Saal wieder angegangen ist, noch lange nicht. Doch leider müssen die Musiker in 20 Minuten im Nachtzug Richtung Zürich sitzen. Timing ist alles. Dass auch dieser Abend sehr lange wird, versteht sich von selbst. Erst um zwei Uhr wird das Bettlaken gelüpft. Auch der Taxifahrer am Montagmorgen muss sich dem Tempo anpassen. In fünf Minuten ist Latest Check-in für den Flug nach Zürich. Daniel Rohr muss noch vor den Proben seine beiden Kinder von der Schule abholen. Aber wie immer: Es wird alles klappen. In letzter Minute. Daniel Rohr ist ein Maniac. Ob hinter oder auf der Bühne. Passt gut auf ihn auf!
Peter Exinger (Kulturredakteur Sonntagsblick) aus Zürich hat diesen Artikel für den Sonntagsblick geschrieben. Der Artikel wurde am 09.09.2001 im Sonntagsblick veröffentlicht. |