© Tages-Anzeiger; 2001-01-20; Seite 51

Kultur

Faust, Mephisto, Pudel und Bier

Das Theater Neumarkt zeigt eine Revue nach Musik und Texten von Frank Zappa, live gespielt und auf Deutsch vorgetragen: Wie soll das gehen? Es geht sehr gut.

Von Jean-Martin Büttner

Er war sein eigener, bester Parodist. Kein Genre war vor ihm sicher gewesen, keine Pose war ihm zu abgefeimt, keine Perversion zu ausgefallen und kein Taktwechsel vertrackt genug, um nicht in seinen Kanon einzugehen. Auf über sechzig Platten schuf sich Frank Zappa ein selbstreferenzielles, über unzählige Verästelungen ausgetriebenes, mit Anspielungen, Zitaten und schmutzigen Witzen versetztes und dennoch diktatorisch zusammengehaltenes Gesamtkunstwerk. Er montierte Jazzphrasen und Bluesgrundierungen, moderne Klassik und Doo-Wop-Chöre, Rock'n Roll, satirische Toncollagen und entfesselte Gitarrensoli zu einer virtuosen Dauerattacke auf den amerikanischen Lebensstil, dem er selber zeitlebens verhaftet blieb.

Sex und Strawinsky

Zappa selbst nannte das Ganze, ohne das Gesicht zu verziehen, die "konzeptionelle Kontinuität der in der Extension befindlichen Makrostruktur der Gruppe" oder kurz: "The big note". Beide Definitionen waren gleichermassen typisch für ihn, der einmal bekannte, Rock 'n' Roll zu spielen und ein klassisches Orchester zu dirigieren, sei wie Auto zu fahren und ein Sandwich zu essen: zwei völlig verschiedene Dinge, die man ohne Mühe gleichzeitig erledigen könne. Komposition und Persiflage, Geige und Gibson, Sex und Politik, Strawinsky und "Louie Louie" waren ihm genau gleich wichtig. Die einzig relevante Frage war, ob es ihm Spass machte oder nicht.

Seine kompositorische Brillanz hat paradoxerweise dazu geführt, dass er heute, sieben Jahre nach seinem Tod, fast keine Rolle mehr spielt. In den Plattenläden liegt nur ein kümmerlicher Rest seiner Werke auf, niemand hat über seine Musik hinausgedacht, es gibt kaum Coverversionen seiner Stücke und schon gar keine Parodien auf sie, kein Wunder: Zappa hatte alles selber besorgt.

Man muss das alles erklären, um deutlich zu machen, auf was sich der Zürcher Schauspieler, Sänger und Regisseur Daniel Rohr mit seinen sechs Musikern eingelassen hat; wie gross die Risiken waren, die er mit seiner Collage aus Zappas Texten, Interviews, Buchpassagen und Bühnensketches einging. Wie gross die Gefahr, sich mit "Alles über Frank" lächerlich zu machen.

Also besannen sich der Regisseur, sein musikalischer Leiter Till Löffler und dessen Berater Patrick Schimanski auf das einzig Mögliche. Statt mit dem grossen Diktator zu rivalisieren, forcierten sie ein Kontrastprogramm. Statt noch exzentrischer aufzutreten als das Original, rückten sie mit gespielter europäischer Zurückhaltung von ihm ab.

Bestes Benehmen

Während die Band den ersten Song hinklöppelt, hockt der Sänger auf einem roten Sofa und redet mit einem Stoffpudel. Das Sofa verweist auf die Plattenhülle von "One Size Fits All", der Pudel gehört zu Zappas Obsessionen. Von Besessenheit im Theater Neumarkt aber keine Spur. Rohr mimt den abgegriffenen Entertainer in Hosenträgern, der sein Publikum beiläufig amüsiert; seine Gestik bleibt knapp, das Mienenspiel zurückhaltend, die Diktion betont gestelzt.

Hinter ihm sitzen die Musiker im Frack vor ihren Partituren und spielen ihre wohl erzogenen Arrangements. Zappas Songs werden nicht mit Krach und Getöse aufgeführt, sondern mit dem leicht zwanghaften Swing eines Unterhaltungsorchesters.

Der Gitarrist flippt keinen Moment aus, das virtuose Spiel von Marimba und Schlagzeug klingt bloss angetupft, auch der Saxofonist weiss sich zu benehmen. Zappas Generalattacken werden auf einen lässigen, fast beiläufigen Nachtklubauftritt herabgedimmt.

Auch der Sänger versucht keinen Moment lang, wie Zappa zu klingen oder auch nur auszusehen. Er begnügt sich damit, die Ansichten seines Clowns als ironische Bonmots zu formulieren: dass die Dummheit der Grundbaustein des Universums ist. Dass Dummheit einen gewissen Charme hat, Unwissenheit aber nicht. Dass Gott gerne deutsch spricht und zwei Fehler machte, als er Mann und Frau erschuf.

Konsequenterweise werden nicht nur die Sprechpassagen, sondern auch die Stücke auf Deutsch vorgetragen, einer Sprache, bei der sich laut Zappa "noch die einfachsten Dinge offiziell und technisch anhören". Im Neumarkt-Theater klingen sie eher ironisch, unterkühlt. Man hätte es sich nicht vorzustellen gewagt, dass "Dirty Love" als "Schmutzige Lust" hinhauen könnte und eine Zeile wie "I'm the slime oozing out of your t.v. set" daherkommt als "Ich bin die Kotze aus der Glotze, die euch entgegenquillt" - und trotzdem funktioniert.

 

Abgefeimte Kammerstücke

Dadurch werden die Songs dem Publikum nicht nur verständlich, sondern wird ihre Ironie wie neu aufgeladen. Zappas derbe Satiren klingen im strengen Deutsch noch perverser als im Original. Alles andere, wie die englisch vorgetragene Version von "Bobby Brown" in der ersten Zugabe deutlich macht, wäre unerträglich provinziell herausgekommen.

Das Material ist mit wenigen Ausnahmen Zappas besten Platten entnommen, die zugleich, welche Ironie für einen Avantgardisten, seine erfolgreichsten waren: "Overnite Sensation", "Apostrophe", "Sheik Yerbouti", "Joe's Garage" und andere. Szenischer Höhepunkt ist "Titties and Beer", Zappas wenig subtile Lesung des faustischen Paktes, bei dem der Teufel Freundin und Bier des Helden verschluckt und auf vertraglichen Druck wieder ausspucken muss. Die Handlung wird von zwei Musikern mit Puppen nachgestellt und von Rohr in geteilten Rollen kommentiert. Die schönste Musik gelingt mit der Interpretation von "Yellow Snow", im Original eine muskulöse Jazzrock-Nummer, in Zürich ein höfliches und gerade dadurch besonders abgefeimtes Kammerstück; der Exzess wird zum Kaffeehausjazz sublimiert.

Was bei diesem Kontrastprogramm verloren geht, sind gerade die Extreme, die unerwartete Zärtlichkeit von Zappas Musik, aber auch ihre Brutalität. "The Torture Never Stops" zum Beispiel lässt im Original ein Grauen anklingen, das in Zürich blosse Pose bleibt. Was umso deutlicher macht, wie gewagt das ganze Unterfangen ist - und wie gelungen.

 

Weitere Aufführungen im Theater Neumarkt: Dienstag, 23. bis Samstag, 27. 1., jeweils 20 Uhr.

BILD DORIS FANCONI

Noch perverser als das Original: Regisseur, Schauspieler und Sänger Daniel Rohr in "Alles über Frank".